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RoterTeufel
11-02-2012, 08:35
Spritzenaustauschprogramm für inhaftierte Suchtkranke in Schrassig
Ein paradoxes Drogenproblem

Viele Häftlinge nehmen nicht am Programm teil, aus Angst vor Sanktionen / Gefängnisärzte wollen Konzept verbessern


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Das Spritzenaustauschprogramm soll die Insassen vor Infektionskrankheiten schützen, doch es funktioniert nicht wie erwünscht.


„Kein Gefängnis der Welt ist drogenfrei“, sagten Ende Dezember Justizminister François Biltgen und Ex-Ombudsman Marc Fischbach bei einer gemeinsamen Pressekonferenz über die Reform des Gefängniswesens. Tatsächlich sitzen viele Gefangene wegen Drogendelikten in Haft, konsumieren auch hinter den Gefängnismauern und riskieren dabei, sich mit Infektionskrankheiten anzustecken. Um die Infektionsrate zu senken, lief 2005 das Spritzenaustauschprogramm an. Mit mäßigem Erfolg. Aus Angst vor Sanktionen verzichten viele Häftlinge auf saubere Spritzen und infizieren sich weiter gegenseitig. Ein Blick hinter die Mauern der Schrassiger Haftanstalt.

Dass Drogenkonsum hinter verschlossenen Gefängnistüren keine Seltenheit ist, weiß jedes Kind. Viele Insassen wurden wegen Drogendelikten verurteilt, konsumieren und brauchen regelmäßig ihre Dosis. Dabei kam es in der Vergangenheit auch mehrmals zu Neuinfektionen mit Hepatitis B und C durch Injektion. In Schrassig ist auch ein Fall von HIV-Neuinfektion bekannt.

Um zu verhindern, dass Häftlinge „den Affen kriegen“, d.h. unter Entzugserscheinungen leiden, werden Substitutionsmittel verabreicht. Verantwortlich für das Substitutionsprogramm ist die psychiatrische Abteilung unter der Leitung von Dr. Mark Ritzen.

Ziel des Programms ist es, drogenfrei zu werden. Wird ein Gefangener während des Substitutionsprogramms positiv auf Drogen durch Nebenkonsum getestet, wird in der Regel die Dosis des Substitutionsmittels herabgesetzt. Schon allein aus gesundheitlichen Gründen, sagt Dr. Ritzen. Das Substitutionsprogramm folgt einer anderen Logik als das Spritzenaustauschprogramm, für das die somatische Abteilung zuständig ist. Hier lautet die Philosophie: Wenn schon Drogen, dann sollen Gefangene und Personal zumindest optimal vor Infektionskrankheiten geschützt sein. Luxemburg befolgte den Rat der EU und startete das Spritzenaustauschprogramm im Jahr 2005, mit dem Ziel, die Infektionsrate bei den Gefangenen zu reduzieren. Doch das Programm läuft nach Ansicht von Gefängnisärzten, Krankenpflegern und Insassen nicht optimal. Obschon Gefangene das Recht haben, gebrauchte Spritzen gegen neue einzutauschen und dabei anonym zu bleiben, wird das Programm nicht in dem Maße genutzt, wie man dies hätte erwarten können. Starter-Kit für Programmteilnehmer Das Programm startete Ende 2005 mit 23 Gefangenen, die schriftlich ein sogenanntes Starter-Kit – einen transparenten Behälter mit zwei Insulinspritzen – beim zuständigen Arzt beantragten. Vertraglich verpflichteten sie sich u.a. dazu, die Spritzen nicht mit anderen Gefangenen zu tauschen. 2006 wurden 283 Spritzen ausgetauscht. 2007 ging die Zahl dramatisch zurück. Seit 2008 steigen die Zahlen wieder an, aber nicht in dem Maße, wie man es sich gewünscht hätte.

Eine Umfrage bei den Gefangenen brachte ein niederschmetterndes Ergebnis: Viele gaben an, keinerlei Kenntnis von dem Programm zu haben. Bei anderen hatte sich herumgesprochen, dass viele Krankenpfleger und Gefängniswärter gegen das Programm waren. Mit der Konsequenz, dass die Krankenpfleger teilweise keine neuen Spritzen aushändigten, wozu sie laut Arbeitsvertrag auch nicht verpflichtet sind, und mit der Konsequenz, dass Wärter gezielt Zellen von Häftlingen durchsuchten, wenn sie erfuhren, dass diese sich in der Krankenstation neue Spritzen geholt hatten, oder sie zum Urintest schickten, was wiederum gegen das Anonymitätsprinzip verstößt. Werden Drogen gefunden oder im Urin nachgewiesen, folgt ein Disziplinarverfahren. Die Sanktionen gehen von Fernsehverbot über Einzelhaft bis hin zu Besuchsverbot. Erschwerend kommt hinzu, dass der Zugang zu sauberem Material nur zu bestimmten Zeiten möglich ist, und: Wer einmal sein Spritzen-Kit zurückgibt, bekommt während seiner Haft kein neues.

Obwohl also der Spritzenaustausch offiziell und somit erlaubt ist, verstärken eine Reihe von Umständen den gefährlichen Spritzentausch unter den Häftlingen.
„Der eine hat die Spritzen, der andere das Puder“ Ein Ex-Häftling erklärt, wie Gefangene versuchen, die Sanktionen zu umgehen: „Der eine hat die Spritzen, der andere das Puder. Da der Spritzenbesitzer keine Drogen bei sich hat, riskiert er auch nicht, bei einer Zellendurchsuchung mit Drogen erwischt zu werden.“

Es gibt strenge Regeln, was die Spritzenaufbewahrung in der Zelle angeht. Der transparente Behälter mit den beiden Spritzen muss verschlossen und für die Wärter gut sichtbar an einer bestimmten Stelle aufgestellt werden. Ist dies nicht der Fall, drohen Sanktionen. Zweimal am Tag stehen während mehreren Stunden die Zellentüren offen und die Gefangenen können sich innerhalb ihres Traktes frei bewegen und andere besuchen. Die Insassen haben die Möglichkeit, sich an den Spritzen anderer zu vergreifen, ohne dass diese etwas davon mitbekommen.

Ein Teil des Gesundheitspersonals sieht seit langem Handlungsbedarf. Das sehen aber längst nicht alle Wärter und Krankenpfleger so. Das hat auch damit zu tun, dass die Wärter und ein Teil der Krankenpfleger der Gefängnisverwaltung unterstehen, die bislang ausschließlich für das Programm verantwortlich war. Einige der Ärzte und ein Teil des Pflegepersonals sind Angestellte des Centre hospitalier de Luxembourg (CHL), das für die Gesundheitsversorgung verantwortlich ist. Hier scheiden sich demnach die Geister und die Gefangenen sind dieser Willkür ausgeliefert.

„Die Zugangskriterien zum Programm müssen flexibler werden“, sagt einer der Gefängnisärzte. „Der Austausch muss unbedingt anonymisiert werden und die Gefangenen müssen schneller an saubere Spritzen gelangen können.“ Ende Februar findet eine Unterredung mit den Wärtern statt, mit dem Ziel, das Programm zu verbessern. Die Gefangenen haben ihre Vorschläge bereits unterbreitet.