Vaterschmerz
An Heiligabend wurde der jüngste Sohn von Linksparteichef Lothar Bisky tot in seiner Studentenwohnung in Schottland aufgefunden. Todesursache ungeklärt. In BILD am Sonntag spricht der Politiker über seine Zweifel, seine Fragen, seine Trauer


Die Natur ist erstarrt. Frischer Schnee hat sich wie ein weißes Laken über den Garten gelegt. Lothar Bisky (67) steht auf der Terrasse seiner Datsche im sächsischen Schildau, zeigt auf einen kahlen Baum: „Da ist Stephan als Kind raufgeklettert. Er war immer ein Draufgänger.“
Im Haus kämpft ein Elektro-Ofen gegen die klirrende Kälte. Im Bücherregal stehen Bilder von Stephan Bisky.

Der Politiker-Sohn zusammen mit seinen Brüdern Jens (42) und Norbert (38) und vor einem Gletscher in Neuseeland. Zu Weihnachten wollte Stephan zu seinen Eltern nach Deutschland kommen. Wieder in seinem Bett im Arbeitszimmer seines Vaters schlafen. Doch das Bett ist unberührt. Stephan Bisky ist tot, wurde nur 23 Jahre alt. Am Heiligabend wurde die Leiche des Neurowissenschaftlers in seiner Wohnung im schottischen Edinburgh gefunden.

BamS-Reporter trafen seinen Vater, Linken-Chef Lothar Bisky.

BILD am SONNTAG: Herr Bisky, wann hatten Sie zum letzten Mal Kontakt mit Stephan?

Lothar Bisky: Am. 5. Dezember. Da habe ich mit ihm telefoniert und ihm erklärt, dass ich sein Ticket reserviert habe und auch sonst alles für seine Reise vorbereitet ist. Er sagte nur: „Alles klar, Dad – dann bis Weihnachten.“ Das war mein letztes Telefonat mit meinem Sohn. Meine Frau hat am 8. und 9. Dezember noch mal mit ihm gesprochen, weil er starke Zahnschmerzen hatte. Dann haben wir nichts mehr von ihm gehört.

BamS: Was dachten Sie, als Sie am Flughafen in Leipzig standen und Stephan nicht kam?

Bisky: Das war untypisch für ihn. Stephan gehörte zwar nicht zu den Menschen, die sich jeden Tag gemeldet haben, aber auf ihn war immer Verlass – auf die Sekunde. Wir haben extra noch eine zweite Maschine abgewartet. Als er da auch nicht drinsaß, haben wir ihn als vermisst gemeldet.
BamS: Einen Tag vor Heiligabend?

Bisky: Ja. Und morgens um 3 Uhr, am ersten Weihnachtstag, klingelte dann die Polizei bei uns. Da braucht man nicht mehr viel zu sagen. In dem Moment wussten meine Frau und ich Bescheid.

BamS: Sie sind dann nach Schottland geflogen . . .

Bisky: . . . und haben uns dort von Stephan verabschiedet. Eine Dame von Scotland Yard hatte uns zwar gesagt, es ist besser, wenn wir uns unseren Sohn nicht angucken und auch nicht in die Wohnung gehen, aber wir wollten ihn sehen. Ich habe ein sehr friedliches Gesicht gesehen, kein schmerzverzerrtes. Er hatte das Gesicht, das ich kenne, wenn er mit sich und der Welt in Ordnung war. So wie ich ihn zum letzten Mal bei unserer Familienfeier im Sommer erlebt habe, als wir den Geburtstag meiner Frau nachfeierten. Ich bin froh, dass wir uns so bei ihm verabschieden konnten.

BamS: Und sind Sie auch noch in seine Wohnung gegangen?

Bisky: Nein, das haben wir nicht mehr getan. Scotland Yard hat uns eine Tasche mit seinen persönlichen Sachen gepackt – seine Uhr, ein Laptop, ein paar CDs und drei Bücher. Eins hatte ich ihm geschenkt, es ging um Urwälder. Er muss viel darin geblättert haben, so wie die Seiten aussehen.

BamS: Wissen Sie jetzt, woran Ihr Sohn gestorben ist?

Bisky: Nein, immer noch nicht. Wir warten jeden Tag auf das Obduktionsergebnis.

BamS: Er hatte ja Hepatitis.
Bisky: Das habe ich von Scotland Yard zum ersten Mal gehört. Stephan hatte uns erzählt, dass er im April krank war. Auch, dass er ins Krankenhaus musste. Aber nicht, wie schlimm es wirklich war. Von der Polizei haben wir jetzt gehört, dass er damals sogar reanimiert werden musste.

BamS: Haben Sie denn eine Veränderung an ihm festgestellt?

Bisky: Sie müssen eins wissen: Stephan war ein sehr extremer Mensch. Der Junge konnte schon im Kindergarten lesen und schreiben. Er war der Einzige in der Familie, der Mathe nicht gehasst hat. Aber als er so 13, 14 Jahre alt war, wurde er schlechter in der Schule und ging unheimlich aus dem Leim. Er wurde dick – nein, fett. Wir haben uns Sorgen gemacht, sind zu Ärzten gegangen. Ohne Erfolg. Aber eines Tages kam er und sagte, dass er jetzt Marathon laufen will. In drei Monaten hatte er den ganzen Speck weg. So war er immer – entweder oder. Und genauso ein großer Dickkopf wie ich.

BamS: Gab es da nicht oft Streit?

Bisky: Nein. Nur ein einziges Mal stand ich als Vater vor einer großen Schwierigkeit. Da sah ich Stephan auf einer Demo im Schwarzen Block – mittendrin. Eins habe ich gelernt: Verbote gehen immer schief. Also habe ich mit ihm gesprochen. Ich sagte, ich mache auch Anti-Fa, aber keine schlagende. Stephan war sehr gegen Rechte, weil er als Kind in der Nach-Wendezeit ein schlimmes Erlebnis hatte. Ich, sein Vater, war der Ur-Kommunist und damit nicht gerade der beliebteste Mensch Deutschlands. Wir wohnten noch in Oberschöneweide, eine schwarze Gegend. Ein paar Rechtsradikale zwangen Stephan damals, ihnen die Stiefel zu küssen. Das hat Spuren hinterlassen, er hat seiner Umgebung oft misstraut.

BamS: Warum, denken Sie, hat er Ihnen nichts von der Krankheit erzählt?

Bisky: Ich weiß es nicht und möchte mich auch nicht an Spekulationen beteiligen. Ich habe keine Ahnung, ob er sich die Schwere seiner Krankheit selbst nicht eingestehen wollte oder uns nicht belasten wollte. Ich weiß auch nicht, was ich mit dieser privaten Katastrophe machen soll. Ich weiß nur, dass wir in dieses scheißnormale Leben zurückfinden müssen. Entschuldigung, Scheiße sagt man nicht. Wissen Sie, ehrlich gesagt, ist heute der erste Tag, an dem ich so langsam realisiere, was passiert ist.
BamS: Ihr Sohn war ja verlobt.

Bisky: Seit einem Jahr. Er hatte Rouwen im Studium in Neuseeland kennengelernt. Sie arbeitet derzeit als Journalistin in Kuala Lumpur. Das war ein schwieriges Telefonat, als ich ihr sagen musste, dass Stephan tot ist.

BamS: Es gibt für Eltern keinen größeren Schmerz, als ihr Kind zu verlieren . . .

Bisky: Und ich frage mich jeden Tag: Wie geht man mit dem Schmerz um? Ich habe keine Ahnung. Natürlich weiß ich, dass ich nichts Besonderes bin. Das ist vielen Menschen passiert. Ich weiß doch selber, wie viele Beileidsbriefe ich geschrieben habe. Aber nun bin ich selber betroffen. Man hat mir ein Drittel meines Lebens genommen. Aber Stephan würde mit mir meckern, wenn ich jetzt jammern würde. Er war ein großer Darwin-Fan und hat immer zu mir gesagt: Dad, wir beide müssen auf dem Komposthaufen beerdigt werden, damit die Natur uns als Rohstoff wiederbekommt.

BamS: Herr Bisky, sind Sie gläubig?

Bisky: Ich bin weder gläubiger Atheist noch gläubiger Religiöser.

BamS: Suchen Sie auch jetzt, in diesem schweren Moment, nicht die Zwiesprache mit Gott?

Bisky: Ich suche nur meinen Sohn, niemanden sonst.