Defekte Zündkerze, lose Radmutter, Crash mit Webber Vettel: Ist es wirklich immer nur Pech?


Sebastian Vettel hat sich seinen „Fünfzigsten“ anders vorgestellt. Anstatt Siegertreppchen, Champagnerdusche und WM-Führung gab’s nach dem Team-Crash in Istanbul mit Kollege Webber viel Hohn und Spott und Gelächter.

Der junge deutsche Formel-1-Shootingstar wollte in seinem 50. Grand-Prix-Rennen endlich zeigen, dass ER die Nummer 1 bei Red Bull ist. Teamkollege Mark Webber (33) hatte schließlich die beiden Rennen zuvor in Monaco und Barcelona gewonnen. Sebastian Vettel (22) wollte zeigen, dass ER in diesem Jahr der jüngste Weltmeister aller Zeiten wird.

Sebastian Vettel – viele fragen nach seinem siebten Saisonrennen mit Pleiten und Pannen: Ist es wirklich immer nur Pech, das ihn aus der Kurve wirft? Oder fehlt ihm doch noch etwas, bis er ein ganz Großer ist?

BILD am SONNTAG blickt mal hinter das freche, sympathische Lausbubenlächeln.

Da sind die Fakten auf der einen Seite: Vettel startet in diesem Jahr mit dem schnellsten Auto, mit dem unausgesprochenen Team-Bonus der Nr. 1 und dem unsichtbaren Stempel: Du wirst dieses Jahr Champion.

Und hier sind die Fakten auf der anderen Seite: Pole Position in Bahrain, aber eine kaputte Zündkerze wirft den Führenden auf Rang vier, 13 Punkte weg. Pole Position in Melbourne, diesmal lose Radmutter, 25 Zähler weg. Pole Position in Schanghai, falsche Teamtaktik spült ihn im Regenchaos auf Rang sechs – und 17 Punkte weg.

Und schließlich Istanbul, wo ihm erst eine lose Schraube am Stabilisator die Pole Position kostete, und dann in der 40. Rennrunde jener verhängnisvolle und unsinnige Crash mit Red-Bull-Kollege Webber den vermutlich sicheren Sieg. 25 Punkte weg.

Rechnen wir mal diese 80 blödsinnig verlorenen Punkte auf seine tatsächlichen 78 Zähler, würde Vettel dort stehen, wo man ihn vor der Saison haben wollte: ganz vorn. So ist er Fünfter.

Die 15 Zähler Rückstand auf Spitzenreiter Webber sind mit dem neuen Punktesystem (25 für den Sieger, 18 für den Zweiten) zwar schnell aufgeholt. Aber der Frust bei Vettel sitzt tief. Und bei seinen Waldläufen in der Schweiz grübelt der Strahlemann sicher in sich hinein: Ist das wirklich immer nur Pech, oder was habe ich falsch gemacht?

Nun, er kann für die Zicken seines Autos wirklich nichts und auch für sein Überholmanöver in Istanbul muss man ihn zunächst einmal freisprechen, weil er vom Team die Order bekam, an Webber vorbeizuziehen. Vettel musste davon ausgehen, dass sein Teamkollege informiert war. War der aber nicht.

Und jetzt kommt eine neue Lektion, die der 22-jährige Vettel gelernt haben wird: Traue in der Formel 1 niemandem, schon gar nicht deinem Teamkollegen!

Vergessen wir nicht: Es ist erst Vettels dritte volle Saison, die er in der Formel 1 fährt. Da ist man noch in der Lernphase. „Es ist ein langer, steiniger Weg zum Weltmeister“, weiß Ex-Champion Niki Lauda. Manchmal muss man sich auf diesem Weg auch Feinde machen. Vettel aber möchte sich keine Feinde machen.

Vielleicht fehlt dem schnellsten Mann im schnellsten Auto noch der letzte Schuss Kaltschnäuzigkeit – den Michael Schumacher zweifellos hatte. Vettel lebt in einer Wattebausch-Wohlfühl-Atmosphäre – bei Red Bull und zu Hause.

Sein Vater Norbert, ein Zimmermann, begleitet ihn oft zu den Rennen. Er ist ein ganz ruhiger, eher schüchterner Mann. Sein Manager – ist Vettel selbst. Ihm fehlt ein Unterstützer, der auch mal auf den Tisch hauen kann. Red Bull will mit ihm – sagen Gerüchte – vorzeitig um drei Jahre bis 2015 verlängern. Aber manchmal muss das Vögelchen erst aus seinem warmen Nest fallen, um das Fliegen zu lernen.

Vielleicht war es ja Teamkollege Webber, der Vettel letzten Sonntag in Istanbul aus dem Nest geschubst hat. Und Sebastian Vettel könnte am Saisonende am 14. November in Abu Dhabi doch noch ein Jubiläum feiern: Als jüngster Weltmeister der Formel 1 mit 23 Jahren und 134 Tagen.