Missbrauch. Sich ritzen. Magersucht. Anschaffen. Eine Frau schreibt um Hilfe
„Splitterfasernackt“: Lilly Lindner (25) erzählt in ihrem Buch die brutale Wahrheit über ihr Leben

Natürlich sieht niemand Lilly Lindner auf den ersten Blick an, was sie hinter sich hat.

Es fällt auf, dass sie sehr dünn ist. Schulterlange schwarze Haare umrahmen das Gesicht mit den dunklen Augen. Wenn Lilly lächelt, sieht sie jünger aus als 25.

Sie spricht, als könnten die Worte nicht schnell genug aus ihr herauspurzeln. Lilly Lindner, so sagt sie, war 6, als der Nachbar sie missbrauchte. Mit 13 hörte sie auf regelmäßig zu essen und fing an, sich mit Rasierklingen die Arme blutig zu ritzen. Als 21-jährige Frau begann Lilly, ihren Körper zu verkaufen.

„Ich bin erst 25 und habe das Gefühl, ich hätte schon zehn Leben gelebt“, sagt die Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen, die ein Jahr vor dem Abitur die Schule verließ und heute von ihrem Ersparten als Prostituierte lebt und davon, dass sie gelegentlich fremder Leute Kinder betreut. Anlass für das Gespräch mit Lilly ist ihr autobiografisches Buch „Splitterfasernackt“.

BILD am SONNTAG: Warum haben Sie aus dem Drama Ihres Lebens ein Buch gemacht?

LILLY LINDNER: Meine Geschichte zu veröffentlichen, das ist ein Versprechen an mich selbst: Dass ich noch hier bin. Im Leben. Worte sind der einzige unverfälschte Ausdruck, den ich kenne. Ansonsten kann ich mich durch den Tag lächeln, obwohl ich eigentlich weinen möchte. So überzeugend, als würde ich selbst daran glauben.

BamS: Und in Wahrheit ist alles ganz anders?

LINDNER: Es ist wesentlich leichter, irgendeine hübsche Maske durch die Welt zu tragen als die nackte Wahrheit. Und wenn man schon als Kind lernt, dass man lächeln muss, um geliebt zu werden, und dass der Schaden, der an einem verursacht wird, verschwiegen werden muss, fängt man an, sich in unendlich viele Einzelteile zu spalten, nur um irgendwie den Tag zu bestehen.

BamS: Warum mussten Sie lächeln, um geliebt zu werden?

LINDNER: Am Anfang habe ich versucht zu erzählen, was mit mir passiert, aber keiner konnte mich hören. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, mich an meinen Gefühlen vorbeizuschieben, um nicht berührt zu werden, von einem Schmerz, der größer sein könnte als ich. Also habe ich begonnen zu lächeln, um alle um mich herum zu ­täuschen. Am meisten mich selbst.

BamS: Als kleines Kind sind Sie über mehrere Jahre von einem Mann missbraucht worden, der im selben Haus wohnte wie Ihre Familie. Haben Sie Ihren Eltern davon erzählt?

LINDNER: Ich war sechs Jahre alt, als das angefangen hat. Natürlich habe ich versucht, meine Eltern dazu zu bringen, mich anzusehen. Aber gleichzeitig habe ich versucht, mich zu verstecken.

BamS: Dieser Mann hat Ihnen bei der ersten Begegnung einen Zahn ausgeschlagen.

LINDNER: Ich hatte ständig irgendwelche Verletzungen. Meine Eltern dachten wahrscheinlich, ich hätte das außerordentliche Talent, vom Klettergerüst zu fallen oder die Treppen hinunterzupurzeln. Außerdem habe ich es ihnen nicht leicht gemacht. Ich habe mich in Notlügen gehüllt, als wäre meine Wahrheit untragbar.

BamS: Sie schreiben, dass Sie Ihren Körper später als wertlos empfanden und ihn darum verkauften. Warum wollten Sie diese Wertlosigkeit ausgerechnet mit Prostitution unterstreichen?

LINDNER: Unterstreichen ist das falsche Wort. Auf dem Strich unterstreicht man nichts, man streicht sich durch. Das ist alles.

BamS: Was haben Sie von der Zeit im Bordell erwartet?

LINDNER: Ich hatte keine Erwartungen. Und als ich dort aufgehört habe, war das keine Erleichterung. Man hört mit der Prostitution nicht einfach auf, setzt sich in die Badewanne, wäscht die Schande weg, und alles ist gut.

BamS: Empfinden Sie Scham?

LINDNER: Ja, natürlich. Aber nicht so sehr, weil ich etwas Unanständiges oder Verrufenes getan habe, sondern viel eher, weil ich mich frage: Wie konnte ich es wagen, mir all diese schrecklichen Dinge zuzufügen? Als ob ich die Gewalt, die mir angetan wurde, auch noch selbst bestätigen müsste. Denn was ist die Steigerung von Selbstverletzung? Prostitution!

BamS: Hat kein Freund Sie davor bewahren können, Ihren Körper zu verkaufen?

LINDNER: Es ist sehr schwer, ein Mädchen wie mich davor zu bewahren, sich selbst zu vernichten. Denn wenn man so achtlos mit sich umgeht, findet man es unbegreiflich, dass da auf einmal andere Menschen um einen herumhüpfen und sagen: „Das ist dein Leben. Und du hast doch alles in dir, was du brauchst, um zu bestehen. Du musst nicht jeden Tag vergewaltigt werden, um dir einen neuen zu verdienen. Du darfst dir das nicht antun.“ Aber daran glauben, dass mein Körper oder ich einen greifbaren Wert haben, kann ich bis heute nicht.

BamS: Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrem Körper?

LINDNER: Ich schwanke bei einer Größe von 1,64Meter zwischen 40 und 41 Kilo hin und her. Und weil ich jeden Tag vergesse, dass ich ein Recht darauf habe, hier zu sein, stolpere ich blind an mir vorbei. Manchmal frage ich mich, warum die erfundene Welt in meinem Kopf so viel realer geworden ist,als der Schmerz, der noch irgendwo dort vergraben liegt und darauf wartet, dass ich aufwache.

BamS: Trotz mehrerer Selbstmordversuche – wollen Sie leben?

Natürlich. Alle Menschen wollen leben. Und am meisten wollen wahrscheinlich diejenigen leben, die ver­suchen, sich umzubringen.