Letzte Chance für "Engel mit den Eisaugen"

Amanda Knox und ihr Ex-Freund sollen eine Britin 2007 in Italien brutal getötet haben. Angeblich bei ausufernden Sexspielen, alles wohl aus Langeweile. Doch "der Engel" kämpft um Freiheit.

Amanda Knox - auch als "Engel mit den Eisaugen" bekannt - hat in ihrem Berufungsprozess wegen Mordes noch einmal ihre Unschuld beteuert. "Ich bezahle mit meinem Leben für etwas, was ich nicht getan habe", sagte die 24 Jahre alte Amerikanerin mit zitternder Stimme am Montag vor dem Gericht im italienischen Perugia. Ihr mitverurteilter Ex-Freund Raffaele Sollecito äußerte sich ähnlich.

Knox und der drei Jahre ältere Italiener waren 2009 in einem der spektakulärsten Indizienprozesse der italienischen Geschichte wegen Mordes und Vergewaltigung an der britischen Studentin Meredith Kercher zu jeweils 26 beziehungsweise 25 Jahren Haft verurteilt worden.

"Verdiente Freiheit" wiedergeben

"Ich habe eine Freundin verloren auf die furchtbarste und unerklärlichste Art und Weise. Wenn ich an jenem Abend nicht bei Raffaele gewesen wäre, wäre ich heute tot genau wie Meredith", sagte die schlicht gekleidete Knox und forderte das Gericht auf, ihr und Raffaele ihre "verdiente" Freiheit wiederzugeben.

Das von mehr als 400 internationalen Medienvertretern belagerte Geschworenengericht zog sich dann zu den Urteilsberatungen zurück. Die abschließende Entscheidung werde wohl kaum vor 20.00 Uhr am Abend bekanntwerden, erklärte der Vorsitzende Richter.



Freispruch möglich

Seit November 2010 versuchen Knox und Sollecito, in dem Berufungsprozess ihre Unschuld zu beweisen. Der Ausgang des Verfahrens war bis zuletzt unklar, Beobachter und Medien hielten einen Freispruch für wahrscheinlich. Zu den Hauptargumenten der Verteidiger, die auf Freispruch plädierten, gehörten Verfahrensfehler bei der Spurensicherung. Diese hätten die wichtigsten DNA-Beweise der Anklage nichtig gemacht. Das habe ein unabhängiges Gutachten bestätigt.

"Der einzige Beweis der Anklage, der Raffaele mit der Tat verbindet, hätte von Anfang an nicht benutzt werden dürfen", betonte etwa Sollecitos Anwältin Giulia Bongiorno noch kurz vor der Urteilsverkündung. So seien undeutliche DNA-Spuren auf einem Büstenhalter des Opfers sichergestellt worden, der erst 46 Tage nach der Tat überhaupt gefunden worden sei. Auch die auf dem mutmaßlichen Mordmesser festgestellten DNA-Spuren Amandas seien offensichtlich verunreinigt, wie Rechtsmediziner festhielten. Man könne "mehrere genetische Profile" darin erkennen.

Ausufernde Sexspiele?

Die Staatsanwälte wiesen diese These bis zuletzt kategorisch zurück, Vertreter der Polizei verteidigten die Spurensicherung. Die Staatsanwaltschaft forderte für Knox und ihren Ex-Freund eine lebenslange Haftstrafe. Lebenslang heißt in Italien im Unterschied zu Deutschland ohne zeitliche Begrenzung.

Am 2. November 2007 wurde die britische Austauschstudentin Meredith Kercher (21) mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt, halbnackt und von Messerstichen und Verletzungen übersät in ihrer und Knox' gemeinsamer Wohnung in Perugia gefunden.

Vor zwei Jahren wurden Knox und Sollecito für schuldig erklärt, Kercher bei ausufernden Sexspielen getötet zu haben, weil die Britin nicht mitmachen wollte. Langeweile und Drogengenuss hätten ebenfalls eine Rolle gespielt, hatte das Gericht in erster Instanz festgestellt. Ein Mittäter wurde in dem Mordfall in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren wegen Beihilfe verurteilt. Er trat später als Belastungszeuge der Anklage auf.