"School-Leaks"-Prozess
"Hätte ich gemogelt, würde ich nicht hier stehen"




Im "School-Leaks"-Prozess hatten am Mittwoch die Angeklagten das Wort. Die Sekundarschullehrerinnen, die sich wegen Verstoßes gegen das Berufsgeheimnis sowie Hehlerei vor Gericht verantworten müssen, erklärten, dass sie auf Missstände hätten hinweisen wollen, die es seit Jahren im Rahmen der Tests zum Übergang von der Grund- zur Sekundarschule gegeben hatte.

Zum Tathergang. Die Sekundarschullehrerin Tatiana K., deren Sohn zum Tatzeitpunkt an den Leistungstests teilnimmt, erfuhr am 16. März 2015, dass Umschläge mit den Prüfungsfragen und -antworten im Echternacher Lyzeum angekommen waren. Diese hätten in den Postfächern jener Lehrer gelegen, die in einer Orientierungskommission vertreten waren. Sie selbst war hiervon nicht betroffen. "Ich habe eine Kollegin angerufen und gefragt, ob ich ihren Umschlag öffnen und mit nach Hause nehmen kann. Sie hat zugestimmt", so Tatiana K. Sie sei schockiert gewesen, als sie merkte, dass sich in dem an Natacha F. adressierten Umschlag nicht nur die Dokumente zu jenen Tests befanden, die bereits abgeschlossen waren, sondern auch jene zu den Prüfungen, die noch anstanden. "Ich habe die Fragen und Antworten dieser Tests eingescannt. Ich wusste, dass ich sie veröffentlichen wollte", so die Angeklagte weiter.
"Wollte nicht den Kindern schaden"

Sie habe die Dateien an einige Medien weitergeleitet und Eltern gefragt, ob sie sie wollen. "Die Personen, denen ich die Dateien angeboten hatten, haben alle zugestimmt", erklärte Tatiana K. weiter. Heute würde sie wohl anders handeln und die Dokumente nicht mehr versenden, allerdings: "Ich war wütend, denn ich wusste, dass seit Jahren fahrlässig mit den Tests umgegangen wurde. Ich wollte zeigen, dass die Prozedur faul ist. Jene Lehrer, die Kinder in einer Abschlussklasse der Grundschule haben, befanden sich im Zwiespalt. Ich wollte aber auf keinen Fall den Kindern schaden."

Sie habe daran gedacht, das Ministerium zu informieren, allerdings hätte sie bereits im Vorfeld die Erfahrung gemacht gehabt, keine Antworten zu erhalten. Weiter prangerte sie an, dass die Schüler des Zyklus 4.2 Prüfungen wiederholen mussten, die bereits vor der Veröffentlichung der Dateien stattgefunden hatten.

Auch Natacha F. zeigte sich schockiert darüber, dass die Fragen und Antworten vor Abschluss der Tests an die Sekundarschullehrer gesendet worden waren. Sie habe mehrmals gehört, dass es im Vorfeld der Tests zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei. Konsequenzen, die sie als Lehrerin von "Septième"-Klassen hätte ausbaden müssen, weil einige Schüler falsch orientiert worden waren.

Für sie habe es keine Zweifel daran gegeben, dass die Tests in Deutsch und Französisch nicht mehr stattfinden könnten, nachdem die Dokumente an die Öffentlichkeit gelangt waren. Deshalb habe sie die Dateien auch an zwei Bekannte weitergegeben, deren Kinder sich im Zyklus 4.2 befanden.
Ein moralisches Problem

Danielle H. hatte den Umschlag mit den Prüfungsdokumenten ebenfalls am 16. März 2015 erhalten. Da ihr Sohn an den Tests teilnahm - und sie nicht in Verdacht geraten wollte, ihm einen Vorteil zu verschaffen -, stellte sich ihr ein moralisches Problem, weshalb sie den Umschlag bis zur Hausdurchsuchung nicht geöffnet hatte. "Ich habe mich gefragt, warum wir die Dokumente bekommen hatten. Wir hatten sie zu dem Zeitpunkt nicht gebraucht. Und ich wollte sie auch gar nicht haben", bemerkte Danielle H. und hob hervor, dass es das erste Mal war, dass die Dokumente so früh zugestellt worden waren.

Als sie am Abend nach Hause gekommen sei, habe sie die E-Mail von Tatiana K. gesehen. Ihr sei dann bewusst geworden, dass auch andere Personen die Dateien erhalten hatten. "Ich habe mich gefragt, was die anderen denken. Ich wollte nicht als Moglerin dastehen, die ihrem Sohn einen Vorteil verschafft hätte. Hätte ich jedoch gemogelt, würde ich heute nicht hier stehen." Sie habe ihren Schuldirektor, das Ministerium, Inspektoren sowie die Eltern der anderen Schüler demnach am Abend des 16. März 2015 noch informiert, dass sie die Prüfungsdokument erhalten hatte - in der Hoffnung, dass jemand reagieren würde. Der Umstand, dass die Prozedur zum Ablauf der Tests nach 2015 geändert wurde, sei immerhin Beweis dafür, dass es Missstände gegeben hatte.
Geschlossener Umschlag ist vertraulich

Wie es möglich ist, dass die gescannten Prüfungsdokumente von ihrer Arbeitsmailadresse aus versendet wurden, konnte sich Danielle H. nicht erklären. Auch nicht, wie es möglich war, dass für die Ermittler rund 3800 E-Mails aus der Zeit von Februar bis April 2015 als gelöscht galten. Erst im Nachhinein konnten Kopien dieser E-Mails wiedergefunden werden.

Ihr Mann, Christian S., war in diesem Rahmen in das Visier der Ermittler geraten und sitzt derzeit ebenfalls auf der Anklagebank. Dieser hätte ebenso wie die ganze Familie Zugang zum Computer und somit auch zum Postfach gehabt, erklärte Danielle H. Christian S. machte am Mittwoch von seinem Schweigerecht Gebrauch. Sein Anwalt, Maître Frank Rollinger, bemerkte jedoch, dass die Vorwürfe gegen ihn in Zusammenhang mit den Dokumenten stehen, die Danielle H. per Post zugestellt worden waren. Da diese den Umschlag jedoch nicht geöffnet hatte, sei dies ein Ding der Unmöglichkeit.

Während des Prozesses hatte die Verteidigung immer wieder angeprangert, dass sich auf den Umschlägen keine Notiz befand, dass er Inhalt streng vertraulich sei. Diese seien in den Postfächern der Lehrer im Konferenzsaal des "Lycée classique Echternach" abgelegt worden - und somit für jeden zugänglich gewesen. Maître Michel Molitor, Anwalt der Zivilkläger - Staat und Bildungsministerium - wies dies ab: "Dem Gesetz nach, macht sich jeder strafbar, der einen Umschlag öffnet, der verschlossen und mit dem Namen einer anderen Person versehen ist."

Der Prozess wird am Donnerstag fortgeführt.