Nordkoreanerinnen bei Olympia
Die etwas anderen Cheerleader



Die Armee der Schönen kämpft mit den Waffen der Frauen. 229-fach erstrahlt das Lächeln im Farbton frisch gefallenen Schnees, es ertönen glockenhelle Stimmen. "Wir sind eins", rufen die Damen und beugen im Takt ihren Oberkörper, "vereint sei unser Vaterland!" Nordkoreas handverlesene Cheerleader begeistern Pyeongchang - sie sind die Charme-Offensive und Propaganda-Truppe des diktatorischen Staatsführers Kim Jong Un zugleich.

„Stellen Sie sich eine Mischung aus Stewardessen der 1960er-Jahre, den Cheerleadern der Dallas Cowboys und der Roten Armee vor”, schrieb die „New York Times” beeindruckt.

Keine von ihnen darf kleiner sein als 1,63 m, sie müssen die Schönheit Nordkoreas repräsentieren und aus Familien stammen, die in ihrer Regimetreue über jeden Zweifel erhaben sind. Selbst Kims Ehefrau Ri Sol Ju soll einst bei den Asienspielen in ausgefeilter Choreographie gesungen und mit Holzhandschuhen geklappert haben.
Keine Kommunikation und Bewacher

Die ersten Einsätze in Pyeongchang waren eine Schau. Begeistert gingen die südkoreanischen Zuschauer in der Shorttrack- oder Eishockeyhalle mit, wenn die strategisch klug verteilten Frauen in Rot das vereinte Korea besangen. Sie sind quasi das 93. Team dieser Spiele - aber dutzende Fotografen rannten sich im Kampf um die beste Position fast gegenseitig über den Haufen.

Die Kommunikation hingegen verläuft schleppend. „Es ist schön, Sie zu treffen”, sagt eine der Frauen zurückhaltend. Mehr ist nicht erwünscht. Jeder Kontakt mit Südkoreanern muss angeblich umgehend gemeldet werden - neben einer Einpeitscherin pro Block schleichen ältere, männliche Bewacher herum.

Doch es gibt Momente, in denen die durchaus wächserne Maske abgelegt wird. Bei einem Abendessen im abgelegenen Hotel ließ sich die Beauty Squad gebratenes Fleisch, Shrimps und Bier schmecken, es wurde entspannt geplaudert.

Die 229 Cheerleader unterstützen bei Olympia vornehmlich die Athleten aus dem Norden. Am Samstag hielten sie sich kurz eine Pappmaske vors Gesicht - das Gerücht, es sei ein Abbild Kim Jong Ils gewesen, wurde umgehend zurückgewiesen. Allerdings sollen auch südkoreanische Sportler die zackigen Choreographien weiterhin zu sehen bekommen: Nach der pathosreichen Eröffnungsfeier hat die Tanz- und Gesangs-Diplomatie begonnen.
Elite-Studentinnen

Aber wer sind diese geheimnisvollen Frauen? „Die meisten Mädchen sind Studentinnen an der Elite-Universität”, berichtet der Delegationsleiter. Die Auserwählten müssten „nach südkoreanischem Standard” hübsch sein. Ansonsten weiß man nichts, was einen Teil der Anziehungskraft ausmacht.

Angeblich haben die Cheerleader eine knallharte Ausbildung hinter sich, in Fitness, Einheitlichkeit und dem Schminken der in Nordkorea sonst verpönten Smokey Eyes. 2005 kam es zu einer Sensation: Die Nordkoreanerin Cho Myung Ae verzauberte den Süden derart, dass sie es an der Seite eines K-Pop-Stars in einen Samsung-Werbespot schaffte.

Auch über dunkle Seiten ist zu lesen. Gehirnwäsche, Druck, strikte Kontrollen. Und: Über allem steht stets die Treue zu Kim Jong Un und dessen Familie. 2005 fuhr der Konvoi der Frauen laut New Yorker an einem Kim-Jong-Il-Poster vorbei, auf das es regnete: „Sechs Busse hielten an, und dreißig weinende Frauen retteten das Plakat.”

Luxemburger Wort